
Eines Abends im November saß ich am Küchentisch, das blaue Licht meines iPads spiegelte sich in meinem Weinglas – eigentlich wollte ich nur kurz schauen, ob wir genug für den nächsten Sommer haben. Auf vier verschiedenen Schmierzetteln hatte ich versucht, die Kontostände von uns allen zu addieren: meine Meilen, die meines Mannes und die winzigen Beträge auf den Konten der Kinder. Es war zum Verzweifeln. Überall lagen ein paar tausend Meilen herum, wie kleine, einsame Inseln im Ozean, aber keine Insel war groß genug, um darauf eine Reise zu bauen.
Ich erinnerte mich an unseren Flug nach Kalifornien – das war die Bordkarte 1: Frankfurt nach San Francisco Premium Economy, die den Grundstein für mein Notizbuch legte. Damals, im Sommer 2024, hatten wir 280.000 Meilen für vier Tickets auf der Strecke FRA-SFO (LH 454) auf den Kopf gehauen. Ich sehe noch genau vor mir, wie meine Tochter auf Sitz 32H in der A340-600 mit ihrem flauschigen Reisekissen einschlief, während ich die 1.500 Euro Steuern und Gebühren auf der Kreditkartenabrechnung noch im Hinterkopf hatte. Aber dieser Erfolg war hart erarbeitet, weil ich damals alles mühsam von Hand koordinieren musste.
Das Chaos der getrennten Konten
Das Problem bei Miles & More ist ja: Standardmäßig sammelt jeder für sich. Mein Mann, der Maschinenbauingenieur, fliegt zwar ab und zu beruflich, vergisst aber die Hälfte seiner Logins. Die Kinder haben ihre JetFriends-Konten, seit sie das Mindestalter von 2 Jahren erreicht haben. Aber was bringt es mir, wenn mein Sohn 4.800 Meilen hat und meine Tochter 3.200, wenn ich für ein Upgrade oder einen Prämienflug in der Premium Economy stolze 70.000 Meilen pro Person brauche?
Mitte Februar passierte es dann: Ich loggte mich in das Konto meines Sohnes ein und sah den Warnhinweis. Ein kurzer Moment der Panik überkam mich, als ich realisierte, dass auf seinem Konto fast 5.000 Meilen ungenutzt abgelaufen wären. Ohne Status verfallen die Meilen nämlich unerbittlich nach 36 Monaten. Da saß ich nun, mit dem kratzenden Geräusch meines Füllers auf dem Papier meines Notizbuchs, während die Familie im Nebenzimmer schon schlief, und rechnete aus, was wir alles verlieren würden, wenn ich jetzt nicht handle.
Die Entdeckung: Miles Pooling aktivieren
Ich hatte mal was von „Pooling“ gehört, hielt das aber für so eine komplizierte Business-Sache. Dabei ist es eigentlich ganz einfach – wenn man weiß, wo man in der App klicken muss. Man bildet einen virtuellen Topf. Die Regeln sind dabei recht klar: Maximal 2 Erwachsene und bis zu 5 Kinder können eine Gruppe bilden. Alle Mitglieder müssen ihren Wohnsitz im selben Land haben – was bei uns in München zum Glück kein Problem war.
Zwischen den Feiertagen, als es draußen so richtig grau war, habe ich die Einladungen verschickt. Erst meinen Mann hinzugefügt, dann die Kinder über ihre Servicekartennummern. Es hat ein paar Minuten gedauert, bis alle bestätigt hatten (mein Mann musste erst mal sein Passwort zurücksetzen, Klassiker), aber dann passierte die Magie: In meiner App verschmolzen die Einzelbeträge plötzlich zu einem mächtigen gemeinsamen Kontostand. Es fühlte sich an, als hätte jemand den Turbo eingeschaltet.
Der Clou mit dem FIFO-Prinzip
Was ich erst später verstanden habe, und was uns Mitte Februar wirklich den Hintern gerettet hat: Das System nutzt beim Pooling automatisch das FIFO-Prinzip (First In – First Out). Das bedeutet, wenn ich jetzt Meilen für einen Flug einlöse, werden zuerst die Meilen verbraucht, die am nächsten am Verfallsdatum liegen – völlig egal, von welchem Familienmitglied sie ursprünglich kamen. Durch diese automatische Abbuchung wurden die fast 5.000 Meilen meines Sohnes zuerst genutzt, obwohl ich die Buchung von meinem Account aus startete. Ein echtes Aha-Erlebnis für mich als UX-Designerin – da hat mal jemand mitgedacht.
Wir nutzen das Pooling jetzt konsequent, um auf größere Ziele hinzuarbeiten. Wenn ich im Supermarkt Payback-Punkte sammle und sie umwandle, landen sie zwar technisch auf meinem Konto, sind aber sofort für die ganze Familie im Pool verfügbar. Das macht die Planung für den nächsten großen Trip so viel entspannter.
Die strategische Falle: Status vs. Meilen
Aber – und das ist ein großes Aber, das ich in mein Bordkarten im Notizbuch rot unterstrichen habe – man darf eine Sache nicht verwechseln: Miles Pooling gilt nur für die Prämienmeilen. Die Statusmeilen, also die, die man für den Vielfliegerstatus braucht, werden nicht zusammengelegt. Und hier liegt die Falle, in die viele Familien tappen.
Wenn man alles über das Konto eines Elternteils bucht und nur auf den großen Pool schaut, blockiert man sich oft die Chance auf wertvolle Statusvorteile für den Rest der Familie. Mein Mann könnte vielleicht den Frequent Traveller Status erreichen, wenn wir seine Flüge strategischer buchen würden. Aber weil wir oft nur darauf achten, den gemeinsamen Topf für den nächsten Award-Flug in der Premium Economy vollzumachen, dümpeln seine Statusmeilen einzeln vor sich hin. Ein Pool-Mitglied hat durch den Pool allein keinen besseren Status. Er bleibt ein „Blue“-Member, auch wenn im Pool eine Million Meilen liegen.
Ein Blick in die Zukunft
Eines Sonntags im April saß ich wieder da und klebte die Pooling-Bestätigung hinter unsere SFO-Bordkarten. Wir planen jetzt für den nächsten Sommer. Das Ziel ist klar: Wieder Premium Economy, vielleicht Richtung Osten diesmal. Die 70.000 Meilen pro Person für die Langstrecke fühlen sich nicht mehr so unerreichbar an, wenn man sieht, wie der Pool durch vier Personen gleichzeitig gefüttert wird.
Ich bin immer noch weit davon entfernt, eine Expertin zu sein. Jede Buchung fängt bei mir gefühlt bei null an, und ich verbringe Stunden damit, Verfügbarkeiten zu prüfen. Aber das Pooling hat diesen Druck rausgenommen, dass überall kleine Beträge verfallen könnten. Es gibt mir das Gefühl, dass wir als Team sammeln. Wenn wir das nächste Mal in der Lufthansa Lounge B1 sitzen – die wir übrigens immer noch über den PriorityPass meiner Kreditkarte besuchen, weil der Status eben doch noch in weiter Ferne liegt – werde ich wissen, dass jede Meile im Pool ihren Teil dazu beigetragen hat.
Falls ihr das auch startet: Achtet darauf, dass ihr den Pool nicht ständig auflöst. Man kann zwar jederzeit raus, aber die Meilen verbleiben dann virtuell auf den Ursprungskonten, was die Übersicht wieder völlig zerstört. Einmal Team, immer Team – zumindest bis der nächste große Flug gebucht ist.